Startseite Aktuelles Ein Stolperstein für Lucie Hain-Illfelder

Ein Stolperstein für Lucie Hain-Illfelder

5. Oktober 2026

Schülerinnen und Schüler des LMG engagieren sich für die lokale Geschichtskultur

Das Stolpersteinprojekt fand im Rahmen der diesjährigen Projekttage Ende Juli 2026 unter dem Motto Demokratie statt. Eine Gruppe aus 10 Schülern der Stufen 9 bis 11 arbeitete unter der Leitung von Herr Wade, Frau Prokopieva und Herr Montigel und in Kooperation mit dem Böblinger Stadtarchiv an der Umsetzung des Projekts. Ziel war die Vorbereitung und Recherche zur Verlegung eines Stolpersteins in Böblingen. Ein Stolperstein verfolgt allerdings nicht den Zweck, Menschen zu Fall zu bringen, sondern ist eine Form des Gedenkens.

Ein Stolperstein ist ein in den Boden eingelassener Messingblock in der Größe eines Pflastersteins. In ihn ist eine Erinnerung an ein Opfer des Nazi-Regimes eingraviert. Stolpersteine werden vor den letzten selbstgewählten Wohnorten der Opfer in den Boden eingelassen, um ihrem Opfer zu gedenken.

In Böblingen gibt es bislang zwei Stolpersteine; das Ziel dieses Projekts ist es, einen Dritten zu verlegen. Während der Projekttage wurden Recherchen zu Lucie Hain-Illfelder betrieben, denn der Stolperstein soll in Erinnerung an sie verlegt werden. Lucie war eine gebürtige Böblingerin, die von den Nationalsozialisten in ein Ghetto verschleppt wurde. Der Böblinger Gemeinderat hatte im Frühjahr 2026 einstimmig die Verlegung eines Stolpersteins für Lucie Hain-Illfelder beschlossen.

1899 wurde Lucie Hain-Illfelder in Böblingen geboren und wuchs bei einer Pflegefamilie auf. Ihr leiblicher Vater war deutscher Rechtsanwalt, ihre Mutter stammte aus einer jüdischen Familie. Sie besuchte die Volkshochschule und wurde 1913 von der evangelischen Kirche konfirmiert. Sie heiratete 1920 Karl Josef Hain, was ihr in der Zeit des NS-Regimes Vorteile verschaffte, da sie trotz jüdischer Abstammung eine privilegierte Ehe mit ihrem Ehemann führte. Sie lernte den Beruf der Kontoristin und arbeitete in verschiedenen Firmen als kaufmännische Angestellte. 1924 wurde ihre Tochter geboren, mit der sie mit ihrem Mann 1930 in die Schweiz auswanderte.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 kehrte die Familie zurück nach Deutschland, die genauen Gründe sind nicht bekannt. Unter der neuen Regierung wurden Lucie schrittweise immer mehr Rechte entzogen, trotz der privilegierten Ehe. Sie durfte zunehmend weniger arbeiten, wodurch sie und ihr Mann sich auch vor finanzielle Probleme gestellt sahen, denn auch er durfte wegen der Ehe mit seiner halbjüdischen Frau nur noch einfache Arbeiterberufe ausüben, obwohl er gelernter Meister war. Dennoch lehnten beide trotz mehrerer Aufforderungen eine Ehescheidung ab.

1943 verstarb Karl Hain, wodurch sich die Lage für Lucie drastisch verschlechterte. Ohne ihren Ehemann verwirkten sich auch die Privilegien, welche die Ehe mit sich brachte. Etwa ein halbes Jahr später, im Januar 1944, wurde sie von der örtlichen Polizei verhaftet, vermutlich motiviert durch die NSDAP. Sie wurde in den nächsten Tagen erst nach Stuttgart gebracht, und anschließend in das Ghetto „Theresienstadt“ in Tschechien deportiert. In demselben Lager wurde 17 Monate vorher Lucies leibliche Mutter getötet. Ihr Vater wurde bereits 1938 nach Dachau gebracht und dort erschossen; er erhielt einen Stolperstein in Stuttgart.

Lucie Hain-Illfelder selbst berichtete wenig über ihre Zeit in Theresienstadt, es ist nur bekannt, dass sie während ihres Aufenthalts an mehreren schweren Krankheiten litt, die sie wie durch ein Wunder überlebte. Sie übte gegen Ende ihres Aufenthalts die Rolle als Krankenpflegerin für andere Erkrankte aus; vermutlich entging sie deshalb einer Verfrachtung in das Lager Auschwitz-Birkenau. Im Mai 1945 wurde Theresienstadt von der Roten Armee befreit, und Lucie Hain-Illfelder konnte zurück nach Böblingen ziehen. Dort verbrachte sie das Ende ihrer Tage und starb 1968 eines natürlichen Todes.

In den nächsten Monaten wird im Rahmen des Projektes die Verlegung eines Stolpersteins für Lucie Hain-Illfelder vorbereitet. Dabei wird die Projektgruppe des LMG gemeinsam mit dem Stadtarchiv die notwendigen Vorbereitungen für die Verlegung treffen, die für Dienstag, 23. Februar 2027 um 9 Uhr geplant ist. Dazu wird Gunter Demnig, der Initiator des Stolperstein-Projekts, selbst nach Böblingen kommen und den Stein für Lucie Hain-Illfelder verlegen.

Zurück